Eine Nacherzählung nach Émile Zola · 1885
Germinal
Teil 3 von 7
Das Fest und die Lohnkürzung (Dritter Teil)
Étienne ging nicht. Die Monate vergingen. Er war ein guter Schlepper geworden, dann ein guter Hauer, und er war aus dem Avantage als Kostgänger ins Haus der Maheus gezogen, denn Zacharie hatte endlich Philomène geheiratet und war mit ihr in ein eigenes Haus gezogen. Étienne nahm Zacharies Platz im Bett neben Jeanlin ein, in derselben engen Kammer, in der Catherine schlief.
Jeden Abend zog sie sich beim Kerzenlicht aus, mit dem Rücken zu ihm, schnell, während er auf die Wand blickte. Keiner von beiden sprach davon. Er berührte sie nie. Zwischen ihnen stand Chaval, mit dem sie sonntags ausging, und eine Befangenheit, die schwerer wurde, je länger sie dauerte.
Maheu und seine Frau hatten den jungen Mann achten gelernt. Er zahlte ihnen Kostgeld, was half; er trank nicht; und abends redete er. Er redete über die Ungerechtigkeit ihres Lebens — wie sie wie Tiere arbeiteten für Löhne, die nie ihre Bedürfnisse deckten, wie ihre Kinder mit zehn einfuhren und mit vierzig starben, während die Aktionäre in Paris im Müßiggang von den Gewinnen lebten. Anfangs schüttelte Maheu den Kopf; es war immer so gewesen. Doch die Maheude hörte mit brennenden Augen zu. Der Gedanke, es könne anders sein, war ihr nie zuvor in den Sinn gekommen, und nun ließ er sie nicht mehr los.
Die Ducasse, das Dorffest, fiel in den Juli. Ganz Montsou war auf den Beinen. Die Männer tranken von Café zu Café — das Avantage, der Volcan mit seinen Sängerinnen, das Progrès, das Saint-Éloi —, und die jungen Leute tanzten im Bon-Joyeux, dem Tanzsaal der Witwe Désir, einer gewaltigen, fröhlichen Frau von fünfzig, die sechs Liebhaber zugleich hatte, einen für jeden Wochentag, und damit prahlte. Étienne sprach an einem Tisch mit Maheu und Levaque und Pierron über eine Unterstützungskasse: Wenn jeder Bergmann jede Woche ein paar Sous zurücklegte, hätten sie Geld für den Fall, dass die Gesellschaft sie zu hart auspresste — Geld für einen Streik. Die Männer hörten zu, nickten, tranken und versprachen, darüber nachzudenken. Rasseneur war dagegen: Die Gesellschaft würde es als Kriegskasse ansehen.
Catherine tanzte mit Chaval. Spät am Abend, als die Musik noch spielte, sah Étienne sie zusammen gehen. Sie kam in jener Nacht nicht nach Hause und auch nicht in der nächsten. Chaval hatte sich in Montsou ein Zimmer genommen, und sie war zu ihm gezogen.
Als sie eine Woche später vorbeikam, um ein paar Kleider zu holen, beschimpfte die Maheude sie die ganze Straße hinauf und hinunter. Nicht der Mann brachte sie in Wut; es war das Geld. Ein Mädchen von fünfzehn, das verdiente, und nun würde ihr Lohn in Chavals Tasche wandern. Catherine nahm ihre Sachen und ging ohne Antwort, mit verschlossenem Gesicht. Étienne sagte nichts. Er arbeitete härter als je zuvor und redete mehr.
Sein Leben hatte nun ein Ziel. Er schrieb an Pluchart. Er las jede Nacht, die geliehenen Bücher auf den Knien, den Kopf voller Wörter, die er nicht immer aussprechen konnte. Er richtete die Unterstützungskasse ein, sammelte die Sous. Die Bergleute begannen, zu ihm zu kommen. Rasseneur spürte seinen Einfluss schwinden, und ihre Freundschaft kühlte ab.
Unten in der Grube führte die Gesellschaft eine Änderung ein. Am Voreux und an allen Gruben der Gesellschaft wurde ein Anschlag ausgehängt. Vom ersten Dezember an würde der Ausbau gesondert bezahlt, nach dem Kubikmeter, und zum Ausgleich würde der Preis für jeden Hunt Kohle gesenkt. Der Ingenieur erklärte, das sei gerecht: Die Männer hätten den Ausbau immer vernachlässigt; nun würden sie dafür bezahlt, ihn richtig zu machen. Die Bergleute standen vor dem Anschlag, lasen ihn und lasen ihn wieder und versuchten zu verstehen.
An jenem Abend rechnete Étienne es am Küchentisch mit einem Bleistiftstummel aus. Die Zahlen kamen jedes Mal gleich heraus: Für dieselbe Arbeit würden sie weniger verdienen. Es war eine verkappte Lohnkürzung.
„Sie bestehlen uns“, sagte er. „Glatter Diebstahl. Sie wollen uns für ihre Krise zahlen lassen.“
Maheu betrachtete die Zahlen lange. „So ist es eben“, sagte er schließlich. Doch seine Stimme hatte sich verändert.
Der Herbst kam, dann die Kälte. In der Grube wurde die Arbeit härter; die Gesellschaft, knapp an Geld, verlangte mehr. Eines Nachmittags kam in einem Stollen des Voreux ohne Warnung das Hangende herunter. Es gab ein Donnern, dann Stille, dann Staub und Geschrei. Als sie sich durchgegraben hatten, lag ein Bergmann tot unter dem Gestein. Auch Jeanlin war verschüttet worden, und sie trugen ihn mit beiden Beinen gebrochen heraus. Sie brachten ihn auf einer Trage nach Hause, und die Maheude stand mit den Händen vor dem Mund in der Tür und brach dann in einen Sturzbach von Flüchen aus, gegen die Gesellschaft, gegen die Grube, gegen Gott. Jeanlin würde wieder heil werden, doch der Arzt sagte, er werde sein Leben lang hinken.
„Damit bezahlen sie uns“, sagte die Maheude. „Mit den Beinen unserer Kinder.“
Der Zahltag kam in der zweiten Novemberhälfte. Er fand im kleinen Büro beim Voreux statt, wo die Männer Mannschaft für Mannschaft am Schalter vorbeizogen. Als Maheu an der Reihe war, zählte ihm der Schreiber seine zwei Wochen hin: den Lohn der ganzen Mannschaft, abzüglich der Strafen für schlechten Ausbau, abzüglich der verlorenen Tage. Die Summe war so klein, dass Maheu dastand und sie anstarrte.
„Das ist alles?“
„Das ist alles.“
Und der neue Anschlag war da, an der Wand neben dem Schalter, über den ersten Dezember.
Maheu ging mit dem Geld in der Faust nach Hause. Als die Maheude es sah, schrie sie nicht; sie setzte sich auf einen Stuhl und starrte auf die Münzen auf dem Tisch, als hätten sie sie verraten. Wie sollte sie damit sieben Mäuler stopfen und Maigrat bezahlen? Dann kam der Zorn, heiß und einfach.
„Das kann nicht so weitergehen. Das kann nicht.“
In jener Nacht versammelten sich die Männer im Avantage. Étienne stieg auf einen Stuhl und sprach. Er hatte nie zuvor öffentlich gesprochen; seine Stimme zitterte anfangs, dann wurde sie fest. Die Gesellschaft kürze ihre Löhne, während die Dividenden der Aktionäre weiterliefen. Sie seien keine Tiere. Wenn sie am Montag einführen, würden sie es hinnehmen. Wenn sie oben blieben, zusammen, alle, müsste die Gesellschaft nachgeben. Sie hätten die Unterstützungskasse. Die Internationale werde ihnen helfen.
Es folgte ein langes Schweigen. Dann sagte Maheu langsam: „Er hat recht.“ Und Levaque schrie, und Pierron, der nie schrie, nickte, und das ganze Café war auf den Beinen.
Am Montagmorgen um vier Uhr läutete die Glocke am Voreux, und niemand fuhr ein.