Eine Nacherzählung nach Platon · 375 v. Chr.
Der Staat
Teil 3 von 10
Die Erziehung der Wächter (Buch III)
Solcher Art also, sagte ich, sind die Geschichten über die Götter, die unsere Wächter von Kindheit an hören dürfen. Doch wenn sie tapfer sein sollen, dürfen sie den Tod nicht fürchten. Wir müssen also auch all jene Verse streichen, in denen die Dichter den Hades schrecklich klingen lassen: Achilles, der sagt, er wäre lieber ein Tagelöhner auf Erden als König über alle Toten; die Seelen der Toten, die wie Fledermäuse flattern und piepsen. Wir dürfen ihnen nicht von Helden erzählen, die weinen und klagen, von Achilles, der sich beim Tod des Patroklos im Staub wälzt, und noch weniger von klagenden Göttern. Ein guter Mann hält den Tod nicht für schrecklich für einen anderen guten Mann, seinen Freund.
Auch sollen unsere Wächter nicht lachlustig sein. Heftiges Lachen bringt heftigen Umschwung. Und sie müssen die Wahrheit hochschätzen. Wenn überhaupt jemand lügen darf, dann nur die Herrscher des Staates, zum Wohl des Staates, so wie ein Arzt einen Kranken zu dessen Gesundheit täuschen darf; doch wenn ein einfacher Bürger die Herrscher belügt, ist das ein ebenso großer Fehler, wie wenn ein Kranker seinen Arzt belügt. Sie müssen auch besonnen sein: gehorsam gegenüber ihren Herrschern und Herren über ihre eigenen Lüste an Trank, Liebe und Speise.
Dann kommen wir zur Darstellungsweise. Alles Erzählen, sagte ich, ist entweder einfacher Bericht, in dem der Dichter mit eigener Stimme spricht, oder Nachahmung, in der er spricht, als wäre er ein anderer, wie in Tragödie und Komödie; oder eine Mischung aus beidem, wie bei Homer. Unsere Wächter sollen eine Sache gut tun und nicht vieles nachahmen. Wenn sie überhaupt nachahmen, sollen sie von Kindheit an nur nachahmen, was ihnen ansteht: Männer, die tapfer, besonnen, fromm und frei sind. Denn Nachahmung, von Jugend an fortgesetzt, wird zur Gewohnheit und zur zweiten Natur, in Körper, Stimme und Geist. Sie dürfen keine Frauen nachahmen, die zanken oder in den Wehen liegen, keine Sklaven, Feiglinge, Trunkenbolde, Wahnsinnigen, auch nicht das Wiehern der Pferde, das Brüllen der Stiere, das Rauschen der Flüsse und des Meeres. Käme also ein Mann in unseren Staat, geschickt genug, jede Gestalt anzunehmen und alles nachzuahmen, so würden wir uns vor ihm verneigen wie vor einem heiligen und wunderbaren Wesen, ihm das Haupt mit Myrrhe salben, ihn mit Wolle bekränzen und ihn in einen anderen Staat schicken.
Dasselbe gilt für die Musik. Von den Tonarten behalten wir nur zwei: eine, die die Stimme eines tapferen Mannes im Krieg oder in Gefahr nachahmt, standhaft gegen das Schicksal, und eine, die einen Mann in friedlichem Tun nachahmt, betend oder überredend, besonnen und zufrieden. Die weichlichen Tonarten und die Trinkweisen, die klagenden, verbannen wir. Vielsaitige Instrumente werden wir nicht brauchen; die Lyra und die Kithara in der Stadt und die Hirtenflöte auf dem Land. Und ebenso beim Rhythmus: Rhythmen, die ein geordnetes und tapferes Leben ausdrücken.
Denn Rhythmus und Harmonie dringen am tiefsten in die Seele und ergreifen sie am stärksten. Ein Junge, der in der Musik richtig erzogen ist, wird schnell bemerken, was hässlich und schlecht gemacht ist, und wird das Schöne in seine Seele aufnehmen und selbst schön und gut werden, noch bevor er einen Grund angeben kann; und wenn die Vernunft kommt, wird er sie als Freund erkennen. Das Ziel der Musik ist die Liebe zum Schönen.
Nach der Musik die Gymnastik. Der Körper soll einfach geübt werden, wie der des Soldaten, mit schlichter Kost, nicht mit den ausgeklügelten Speiseplänen der Athleten, die ihr Leben verschlafen und bei der geringsten Veränderung krank werden. Wo Üppigkeit im Essen herrscht, braucht man Ärzte, wie man dort, wo Zügellosigkeit herrscht, Richter braucht. Asklepios, der Vater der Heilkunst, heilte Gesunde, die eine bestimmte Krankheit hatten; doch er versuchte nicht, Leben, die sich selbst und dem Staat nutzlos waren, mit endlosen Kuren zu verlängern. Und bedenke dies: Die Gymnastik ist nicht nur für den Körper da. Zu viel Gymnastik macht einen Menschen wild und hart; zu viel Musik macht ihn weich. Beide müssen im rechten Verhältnis gemischt werden, damit die Seele zugleich tapfer und sanft ist.
Wer soll nun herrschen? Die Besten unter den Wächtern: ältere Männer, die am meisten für den Staat sorgen und die von Kindheit an durch Mühen und Schmerzen und Freuden geprüft worden sind, um zu sehen, ob sie an der Überzeugung festhalten, dass sie immer tun müssen, was für den Staat das Beste ist. Das sind die wahren Wächter; die jüngeren werden wir Helfer nennen.
Und nun, sagte ich, brauchen wir eine jener nützlichen Unwahrheiten, eine einzige edle Lüge, um wenn möglich die Herrscher selbst zu überzeugen und gewiss den übrigen Staat. Ich schäme mich fast, sie auszusprechen. Wir werden ihnen sagen, dass ihre ganze Aufzucht und Erziehung nur ein Traum gewesen sei; dass sie in Wirklichkeit in den Tiefen der Erde, ihrer Mutter, geformt und aufgezogen worden seien, die sie heraufschickte, als sie fertig waren; und dass sie deshalb ihr Land verteidigen müssen wie ihre Mutter und Amme und ihre Mitbürger als ihre Brüder betrachten, aus derselben Erde geboren.
„Nicht ohne Grund“, sagte Glaukon, „hast du dich geschämt, diese Lüge zu erzählen.“
Und doch, fuhr ich fort, seid ihr alle Brüder, doch der Gott hat, als er euch formte, denen, die zum Herrschen taugen, Gold beigemischt, den Helfern Silber und den Bauern und Handwerkern Eisen und Erz. Die Kinder werden meist ihren Eltern gleichen; doch manchmal wird ein goldener Vater einen silbernen Sohn haben oder ein silberner Vater einen goldenen Sohn. Über nichts müssen die Herrscher so sorgfältig wachen wie über die Mischung in den Seelen der Kinder, und wenn man bei einem ihrer Kinder Erz oder Eisen findet, müssen sie es ohne Mitleid unter die Handwerker oder Bauern stellen; und wenn ein Kind von Handwerkern Gold oder Silber in sich hat, müssen sie es zu den Wächtern erheben. Denn ein Orakel sagt, der Staat werde untergehen, wenn er von Eisen oder Erz bewacht wird.
Zuletzt die Lebensweise der Wächter. Keiner von ihnen soll Privateigentum besitzen, das über das unbedingt Notwendige hinausgeht. Keiner soll ein Haus oder eine Vorratskammer haben, die nicht jeder betreten darf. Sie sollen von den anderen Bürgern als Lohn für ihr Wächteramt gerade so viel Nahrung erhalten, wie sie für das Jahr brauchen; sie sollen gemeinsam an Tischen speisen, wie Soldaten im Lager. Was Gold und Silber betrifft, so werden wir ihnen sagen, dass sie göttliches Gold und Silber in ihren Seelen haben, von den Göttern, und kein menschliches Gold brauchen; es wäre frevelhaft, den göttlichen Besitz mit dem sterblichen zu beflecken. Denn wenn sie je eigenes Land und eigene Häuser und eigenes Geld erwerben, werden sie Hausherren und Bauern statt Wächter, Feinde und Herren der anderen Bürger statt ihre Verbündeten.
(Ende von Teil 3 — weiter in Teil 4: Die vier Tugenden)